Prolog - Otto Ernst
Ein Strom von süßen Klängen
Rauscht mir durch Herz und Ohr
Und strebt aus dunkler Tiefe
Zum Sonnenlicht empor.
Das singt und klingt vom Morgen,
Wenn ich erwachte kaum,
Bis sich auf meine Lider
Am Abend senkt der Traum.
Und oft noch schlafumfangen
Durch meine Seele zieht,
Wie Traumgestalten flüchtig,
Ein unvollendet Lied.
Wo duft'ge Blumen nicken
Am blütenschweren Zweig
Und Vogellieder jauchzen
Hinauf ins Ätherreich,
Da steigt in meiner Seele
Herauf ein Märchenklang,
So süß, wie je ein Herz nur
In goldner Stunde sang.
Wo über Hochwaldkronen
Des Sturmes Schwinge saust,
Aus tiefem Meeresgrunde
Zum Strand die Woge braust,
Da zittert meine Seele
In Schauern hehren Schalls,
Als spräch' aus Höh'n und Tiefen
Zu ihr der Geist des Alls. -
O, lüfte ganz den Schleier,
Geheimnisvolle Macht,
Gib, daß auf meiner Lippe
Das Zauberwort erwacht,
Mit dem ich dich beschwöre
Aus tiefer Brust ans Licht,
Eh unberührt die Harfe
In meiner Brust zerbricht!
Willst du mich je begnaden
Mit deiner höchsten Gunst,
So wandle dich zur hohen,
Gestaltenreichen Kunst!
Ob ganz dich zu besitzen,
Die Gottheit mir verlieh,
Das künd' in goldnen Worten,
Verschwiegne Poesie!
