Nacht - Marie Itzerott

Schöne Weltenmutter Nacht
Ihre Kinder wieget.
Dicht in ihren dunkeln Arm
Sich die Menschheit schmieget.

Goldner Träume holdes Spiel
Woget auf und nieder,
Gleitet leis wie Elfengruß
Unter müde Lider

Bettler zieht des Königs Schmuck
Um die bleiche Stirne,
König träumt ein Schäferglück
Auf dem Bergesfirne,

Mägdlein geht zu Spiel und Tanz,
Das nicht Freude kennet,
Und dem Kind im Keller tief
Hell sein Christbaum brennet.

Mutter herzt in süßer Lust
Ihre lieben Kleinen,
Hat vergessen, daß sie tot,
Höret auf zu weinen.

Frei von Ketten schweift der Sklav'
Über Wies' und Fluren,
Und der Krüppel folgt im Wald
Froh des Wildes Spuren.

Mutig nach dem Schwerte greift
Hand, die lange müde,
Und des Greises Wange färbt
Sich bei'm Jugendliede.

Menschen, die sich einst geliebt,
Ruhen Herz an Herzen;
Tränen sterben leis dahin
Bei gelöschten Kerzen.

Selbst Frau Sorge hüllt sich ein,
Sitzt dort in der Ecke.
Stille, - still, - daß niemand sie
Aus dem Schlummer wecke!

Rauhen Tages herber Schmerz
Schleicht allein und schweiget,
Und die Weltenmutter Nacht
Auch zu mir sich neiget:

"Willst du, daß an dir vorbei
Süß ein Traum ich schwebe?" -
Nein, o nein! - - Vergessen, Nacht,
Mach mich, daß ich lebe.