Sankt Marien Kirchturm - Gustav Jahn

Was mag bei strömenden Regen
Im stillen Kämmerlein
Das Mädchen am Fenster sinnen,
So ganz mit sich allein?

Hat die blauen Augen gefeuchtet
Im Herzen Kümmernis tief?
Gefaltet ruhen die Hände
Und drinnen ein zierlicher Brief.

Genüber, von Sankt Marien
Der Kirchturm, wetterergraut,
Durch die fallenden Regentropfen
Bedenklich ins Antlitz ihr schaut.

Er hat, als alter Bekannter,
Von Wind und Wetter umrauscht,
Manch Jahr in der einsamen Kammer
Der Jungfrau Treiben belauscht;

Hat gespiegelt in manchem Tränlein
An ihren Wimpern sich schon,
Wenn das Herz, das übervolle,
In des Kämmerleins Stille geflohn.

Und nie hat aus er geplaudert,
Wenn zu ihm herüberscholl,
Was betend der Seele Tiefen
Voll Inbrunst drüben entquoll.

Drum hätt auch des Briefes Geheimnis
Der Alte gerne gekannt;
Doch halten es fester und fester
Der Jungfrau Hände umspannt.

Es rauscht der Regen und rauschet,
Das Mädchen sinnet und sinnt,
Der Turm blickt schweigend herüber -
Und die flüchtige Stunde verrinnt.

Jetzt endlich richten hellschimmernd
Die Augen sich himmelwärts -
Sie hebt den Brief an die Lippen
Und preßt ihn innig ans Herz.

Das Wetter verzog sich inzwischen,
Aus der Wolken geteiltem Meer
Fließt ein Strahl der scheidenden Sonne
Auf die stillen Dächer umher.

Im Abendschimmer steht heiter
Der Kirchturm von Sankt Marien,
Als hätt er doch nun erfahren,
Was so geheimnisvoll schien.