An meinen Kanarienvogel - Christian Adolph Overbeck

Du bist zu beneiden,
Muntres kleines Tier!
Alle deine Freuden
Hast du ganz aus dir!
In der engen Klause
Ist dir herzlich wohl,
Findest du zum Schmause
Nur dein Näpfchen voll.

Dann bist du geschieden
Von der ganzen Welt;
Gönnst ihr allen Frieden,
Wenn es ihr gefällt.
Hüpfest hin und wieder,
Hast vor niemand Scheu;
Singest deine Lieder,
Und damit vorbei.

Lob und Tadel störet
Deine Freude nie;
Ob's auch niemand höret,
Singst du gerne früh;
Und wenn alle Weisen
Weit und breit umher
Vor dir stehn und preisen,
Gibst du doch nichts mehr.

Was du hast, ist wenig;
Dennoch gibst du's nicht
Selbst dem größten König
Um ein hold Gesicht.
Da auf deinem Stecken
Kennst du keinen Spaß:
Will der Herr dich necken,
Kneipest du ihn baß.

Lieber Vogel, höre!
Vogel auch zu sein,
Dieser Vorschlag wäre
Mir nun wohl zu klein.
Gar zu kurzes Leben
Schenkt der Himmel euch;
Seid uns auch daneben
Nicht im Köpfchen gleich.

Doch, in meinem Gleise,
Wie der Mann im Faß
Eurer freien Weise
Nachzuahmen, das
Ist ja auszuführen;
Lieber Vogel, das
Mögt' ich auch studieren,
Wie der Mann im Faß.