Maiennacht - Mathilde Wesendonck

I.

Die Blumen alle träumen
Im hellen Mondenschein,
Wie muß es doch so wonnig
Dort bei den Blumen sein!

In sanften Schlummer wiegen
Sie nachts die Lüfte ein,
Wie muß es doch so wonnig
Dort bei den Blumen sein!

Es wecken sie am Morgen
Mit Sang die Vögelein,
Wie muß es doch so wonnig
Dort bei den Blumen sein!

Am Tage neigt zum Kelche
Sich selbst der Sonnenschein,
Wie muß es doch so wonnig
Dort bei den Blumen sein!

Dann weinen gar vor Freuden
Die Blumen groß und klein,
Wie muß es doch so wonnig
Dort bei den Blumen sein!

II.

Es fiel ein Reif in der Maiennacht,
Das hatten die Blumen nicht bedacht,
Und sorgenfrei, vom Licht gereift,
Die warme Hülle abgestreift.

Da hat's in den Blütenkelch geschneit,
Geöffnet war er dem Lichte weit —
Und aus der kalten Maiennacht
Ist keine Blume mehr erwacht.